Liebe Occupy Frankfurt,
die Occupy-Bewegung hat sich offen gegen Antisemitismus ausgesprochen, wir sind aber verwundert, dass wir immer wieder Anhaltspunkte für etwaigen oder konkreten Antisemitismus auf den Demonstrationen oder im Camp finden. Wir wollen mit diesem Flyer auf die Vorfälle hinweisen, die uns aufgefallen sind. Sie sollen helfen antisemitische Argumentationsmuster auf der Demo oder im Camp schneller zu erkennen und dagegen etwas zu tun. Denn genauso, wie homophobe und sexistische Äußerungen in der Occupy-Bewegung keinen Platz haben, kann auch der Antisemitismus als menschenverachtende Einstellung nicht geduldet werden. Uns ist bewusst, dass nicht jede Kritik an Wucher, Zins oder anderen Begriffen per se antisemitisch ist. Das Problem besteht aber darin, dass die Verwendung dieser Begriffe immer wieder anschlussfähig für antisemitische Argumentationen sein kann, insbesondere dann, wenn den Menschen die historische Bedeutungsviel- falt der Begriffe nicht klar ist.
Auf der Demo am 22.10.2011 gab es einen Redebeitrag in dem sinngemäß gefordert wurde, dass der „Bruder Wucherer“ ihm keinen „Judas-Zins“ abnehmen solle. Im folgenden wollen wir auf die Bedeutung der Begriffe im antisemitischen Kontext eingehen:
Zins
Die vielfach geäußerte Zinskritik ist historisch oft im Zusammenhang mit dem Antisemitis- mus aufgetaucht. Die Ursachen dafür sind u.a. in der Ständeordnung des Mittelalters zu finden: „Vom Warenaustausch (mit Ausnahme des ländlichen Kleinhandels) und der Produktion aufgrund der christlich definierten Standes- und Zunftordnung des Wirtschaftslebens ausgeschlossen, waren Juden [entweder] auf den Geldhandel beschränkt, da Zins- nehmen als Wucher galt und Christen verboten war“ oder sie lebten in verarmten Verhältnissen. „Die Pfandleihe wurde [...] geschützt von Königen und Fürsten, erkauft durch hohe Abgaben seitens der Juden. Trotz ihrer eigenen Ausbeutung waren immer nur die jüdischen Geldverleiher dem Haß ihrer Schuldner ausgesetzt und nicht diejenigen, die dieses Finanzsystem duldeten, ermöglichten und für sich gebrauchten." (zitiert aus Wolfang Benz: Was ist Antisemitismus, Verlag C.H. Beck, 2005: S. 67). Wie auch die folgenden antisemitischen Stereotypen war der „unchristliche Zins“ im Laufe der Geschichte immer wieder ein Rechtfertigungsgrund für antisemitische Handlungen.
Wucherer und Spekulanten
Beide Begriffe sind in den letzten Wochen viel verwendet worden, weswegen wir auch hier auf deren Bedeutung im antisemitischen Sinne hinweisen wollen. Zunächst wurde die anti- semitische Stereotype des Wucherers im folgenden Zusammenhang stärker: „Im 13. Jahrhundert wandelte sich das Kreditsystem. Die christlichen Zinsrestriktionen wurden gelockert, dadurch wurden Juden im Geldgeschäft zu Konkurrenten, bei denen gegen hohen Zins nur noch borgte, wer sonst nirgendwo Kredit bekam." (Benz, S. 76) Im modernen Antisemitismus während der Zeit des 1.Weltkrieges tauchte der Stereotyp des Wucherers im Zusammenhang mit dem "geborenen jüdischen Spekulanten" wieder auf, "welche sich als Kriegsgewinnler an der Not des Vaterlands bereicherten". (Benz, S. 109)
Judas
Nach der biblischen Geschichte verriet der Apostel Judas Ischariot Jesus von Nazareth an die Römer. Diese Erzählung wurde von der Kirche ab dem Jahr 70 n. Chr. zur bewussten Abgrenzung vom Judentum genutzt, indem Judas als habgieriger Verräter, stellvertretend für das gesamte Judentum dargestellt wurde. Der Judas-Begriff fand Einzug in die Umgangssprache und stellt darin eine Personifizierung des gesamten Judentums als habgierige Verräter dar.
In einem Redebeitrag am 15.10.2011 am offenen Mikrofon wurde ein Zusammenhang von Familien kritisiert, die bedeutenden Einfluss auf die jetzige Ordnung haben sollen und da- bei exemplarisch die Familie Rothschild benannt. Zudem fanden sich auf mindestens einem Transparent und auf Plakaten das Zitat von Henry Ford: „Wenn die Menschen wüssten, wie unser Geldsystem funktioniert, dann hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh.“
Familie Rothschild
Es ist ein klassisch antisemitischer Stereotyp, der Familie Rothschild als jüdischen Familie die Schuld an unseren Verhältnissen zuzuweisen. Hier werden unmittelbar antisemitische Stereotypen der Moderne reproduziert.
Zitat von Henry Ford
Henry Ford, bekannt als Erfinder der Automarke Ford, war Antisemit und Publizist des auch in Deutschland von den Nazis für ihre Propaganda genutzten Buches "Der internationale Jude" und anderer antisemitischer Schriften, die eine weitere antisemitische Stereoty- pe, die der "jüdischen Weltverschwörung" zum Inhalt hatten. Zudem finden wir es unmöglich Henry Ford im Zusammenhang mit der Occupy-Bewegung zu zitieren, der offen eine feindliche Politik gegen die gewerkschaftliche Organisierung der Arbeiter_innen machte, welche für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen kämpften und deren Forderungen denen der Occupy-Bewegung näher standen als die eines Henry Ford.
Das Bild vom raffgierigen Manager und oder Banker
Nicht konkret antisemitisch, aber ähnlich dem Stereotyp des raffgierigen Juden, sitzt die- ses Bild der falschen Vorstellung auf, dass es eine Minderheit an Menschen mit ganz spezifischen Eigenschaften gäbe, die Schuld an der Krise hätte. Wenn diese nur gegen „bessere“ Menschen ausgetauscht werden würden, ginge es allen besser, so der Gedanke. Das Problem sind aber aus unserer Sicht nicht in erster Linie die Menschen, die ihre jeweiligen Rollen einnehmen, sondern das System, das diese Rollen bedingt und bereitstellt bzw. den Menschen auch zuweist. So geht die Personifizierung des Bösen im Banker schlicht am eigentlichen Problem vorbei und führt zur unreflektierten Hetze gegen Menschen in Bankberufen wie z.B. in Form eines Plakates am 17.10.2011, welches die Banker zum Springen aus den Hochhäusern aufforderte: „Jump! You fuckers“ (FR-Online, Foto: Boeckheler).
Wir hoffen mit diesen Gedanken einen, wenn auch oberflächlichen und viel zu kurzen, Einstieg in das Thema antisemitische Stereotypen gegeben haben zu können. Fragt dem- nächst doch einfach nach, wenn ihr euch der Äußerungen und Plakate wegen nicht sicher seid und informiert die Leute über die hier aufgezeigte Problematik bestimmter Begrifflichkeiten. In diesem Sinne:
Gegen Antisemitismus!
Für eine Occupy-Bewegung in der die Menschen gemeinsam kämpfen! Auf die Straße!
Eure kritisch-solidarische Arbeitsgruppe gegen Antisemitismus (AGGA)




