#EuroFinanceWeek: Dokumentation: Belagernde Kundgebung des Immobilientages vor IHK/Börse

Kurze Bewertung der "belagernden Kundgebung" vor dem Immobilien-Kolloquium am 20.11.2012
Verfasst von admin am 23. November 2012 - 1:01

efw20121120_05.pngEs war der kälteste Nachmittag dieser Woche - auf dem Börsenplatz - aber es hatte geklappt. Einige brachten Teppiche, Stühle und Tische mit. Das erste kleine Wohnzimmer erweiterte und vervielfachte sich. Die Stimmung war gelöst und viele kamen ins Gespräch miteinander. Zur besten Zeit waren (gezählterweise) etwa 70 Leute da. Betroffene und Bürgerinitiativen, Aktive aus dem Netzwerk "Wem gehört die Stadt?" und aus dem Bündnis "No Troika" sowie Interessierte.
Sogar spontan neugierig Gewordene sprach das an.
Bevor irgend ein Aufbau fertig war, fragte eine Nachhilfelehrerin, ob sie mitmachen könne. Sie war die erste Bewohnerin des Wohnzimmers und schrieb auf einem Klappstuhl ihre Karte: "Gegen Mietwucher - Ich zahle in Hildesheim (in der Nähe von Hannover) für 40 qm 320 Euro warm. In Frankfurt dagegen ist Wohnraum kaum bezahlbar, was wahrscheinlich an der Gentrifizierung liegt. Normal- oder Geringverdiener werden an den Stadtrand abgedrängt.

Ich finde, dass dagegen unbedingt etwa getan werden muss!`" Leider hatte sie für die Temperaturen keine wärmende Kleidung bei sich und musste früh, frierend, gehen. Eine Feuertonne und heißer Tee wäre an diesem Nachmittag äußerst hilfreich gewesen.
Ganz zum Schluss, beim Einpacken von Tisch und Stühlen, kam eine ältere Frau dazu. Sie beglückwünschte uns zu dieser guten und notwendigen Aktion und fragte nach Unterschriftenlisten. Glücklicherweise gab es noch Petitionen gegen den Mietspiegel und die Lagenzuschläge. Sie nahm eine Liste mit.
Ganz offensichtlich - es war eine gelungene Protestform für sehr unterschiedliche Leute - mit einem Thema, das sehr viele Leute in der Stadt betrifft und wütend macht.

Spannend war auch, wie widersprüchlich die Stadt ist, selbst an einem Platz, der nur als Ort der Macht und Herrschaft gilt.
Wer putzt, wer kauft ein, wer verkauft Brötchen..., wer betreut die Kinder, wer fährt die U-,S- und Straßenbahnen sowie Busse ...? Diese Dienstleistungen (die wir besser als Produktivität benennen sollten) ermöglichen und sind das Leben in der Stadt. Die Finanzbranche, Immobilienbranche, die ökonomischen und politischen Eliten sind nur die Nutznießer davon. Ohne diese Dienstleistungen hätten sie nichts zu lachen.

Metropolenstreik gegen Staat und Kapital -
schäumendes (ein gutes) Leben für alle!

Texte:

- Erster Beitrag: Wie wollen wir leben? - das ist unsere Frage.
- Initiative Zukunft Bockenheim: Immobilienkolloquium und die Interessen der Mieter in Bockenheim


Erster Beitrag: Wie wollen wir leben? - das ist unsere Frage.

Wir "lagern" mit diesem provisorischen Wohnzimmer, ohne Dach und mit zugigen Wänden, direkt vor dem ehemaligen Börsengebäude, heute Industrie- und Handelskammer (IHK). Hier findet schon den ganzen Tag das Immobilien-Kolloquium der EuroFinanceWeek statt.
Die Immobilienbranche in FrankfurtRheinMain zählt sich selbst zu den "wirtschaftlichen Schwergewichten". Die Bedeutung von Imobilien ist in Frankfurt nun wirklich nicht neu. Der ständige Ausbau von Flughafen, Telekommunikationsstrukturen, Messe, Bürogebäuden, Luxuswohnungen ist, wie die kritische Geographin Susanne Heeg schreibt - "Flexibel bis zum Anschlag: Bauen und Planen für die Global City Frankfurt".
Seit den 1970er Jahren tritt die städtische Politik eine Gentrifizierungswelle nach der anderen los - was die Verdrängung bzw. den bewussten Austausch der Bevölkerung in den jeweiligen Gebieten meint. Diese Landnahme in der Stadt raubt seit Jahrzehnten vielen das Dach über dem Kopf.
Meistens wurden (und werden) Büroimmobilien gebaut, ob im Hochhaus- oder Querformat - der Büroraumleerstand von ca. 2 Millionen Quadratmetern und die Verdrängung von Wohnraum spricht Bände über die Stadtplanungspolitik - ein "Prozess ohne Ende", wie es Heeg formuliert. Das ist in Stadtteilen wie dem Westend oder in Sachsenhausen zu sehen.
Doch seit etwa 2008/2009 überflügeln Profite mit Wohnimmobilien alles. Sie sind mit dem Gold zur gefragtesten Anlageart geworden - das forciert die Gentrifizierung in der Stadt wie im gesamten Rhein-Main-Gebiet enorm. "Immobilien als Kapitalanlage - Universitätsstadte krisenfest" ist ein Slogan der Deutschen Bank. "Krisenfest" ist das neue Zauberwort für Kapitalanleger, die - ob der Weltwirtschaftskrise, die Krise kriegen und ihre Unsicherheit in Beton zementieren. Diese Krisenanlage nennt die Branche "Betongold". Vor allem teure Eigentumswohnungen werden verkauft - "Miete war gestern" ist ein Slogan von Immobilienfirmen. Doch wer sich auch als solches betätigt, erstaunt dann doch.
Zum Beispiel:
Die Nassauische Heimstätte wird nächstes Jahr mit dem Bau eines Wohnhochhauses für 200 Eigentumswohnungen beginnen - im Europaviertel. Diese Wohnhochäuser sind allein in der Erstellung um ein Drittel teurer als jeder andere Bau.
Die Caritas bringt ihr "barmherziges" Engagement gerne in den Zusammenhang mit dem Bau und Verkauf von hochpreisigen Wohnimmobilien. Das hat eine "Fette-Mieten-Party" Mitte Oktober 2012 feststellen müssen. Die Luxus-Wohnanlage mit schlappen 18,50 Euro Miete pro qm, so schreiben sie es selbst "finanziert andere Wohnungen im Komplex - darunter auch Sozialwohnungen und die Nachbarschaftsarbeit der Caritas mit". Diese Art von Mildtätigkeit verschärft aktiv die Wohnungsnot all jener, die sich diese Stadt kaum noch leisten können. Die wenigen gebauten Sozialwohnungen stehen in keiner Relation zum Bedarf - die Luxuswohnungen zur Miete oder als Eigentum verschärfen die Preisentwicklung von Grund und Boden.

Die städtische ABG-Holding, zu der gleich noch mehr gesagt wird, will auf dem Campus Bockenheim Eigentumswohnungen bauen, "um den Übergang" zum teuren Westend "harmonisch zu gestalten". Die Besetzung des Philosophikums auf dem Gelände im Sommer 2012 störte punktgenau diese geplante Harmonie wenigstens ein paar Tage.

Ob in selbstorganisierten Räumen oder Mietwohnungen - alle sind von diesem Hype um das "Betongold der Immobilienbranche" betroffen. FrankfurtRheinMain ist die hiesige räumliche Dimension davon. Das, was gerade Profit verspricht - und das ist einiges in einer global city - wird gemacht. Was nicht passt, wird angepasst. Von oben geschürte rassistische Hetze und Klassenhass gegen unten ist Teil dieser Inszenierung. Lassen wir ihnen diese Rechnung nicht aufgehen, unterlaufen wir das Prinzip Teilen und Herrschen.

Gruppen aus dem Netzwerk "Wem gehört die Stadt?" und aus dem Bündnis "No Troika" stellen Eigentumsverhältnisse in Frage und wollen mit dieser Provokation in den städtischen Raum intervenieren. Leerstandsbesetzungen, wie 2011 in der Schumannstraße im Westend (Frankfurt) oder 2012 in der Oberen Austraße(in Mainz); "Fette-Mieten-Parties" zur Verunsicherung von Verkaufenden und Anlegenden sowie bitter nötige Verhinderungen von Zwangsräumungen sind einige der möglichen Aktionsformen.

Der Widerspruch zur herrschenden Wohnungspolitik in Frankfurt und der Rhein-Main-Region soll lauter werden.Das GEGENprogramm zur EuroFinanceWeek 2012 - von No Troika und und Blockupy Frankfurt - will ein weiterer Schritt sein, hin zu einer verbesserten regionalen Verankerung von Protest und Widerstand gegen die autoritäre Krisenpolitik der ökonomischen und politischen Eliten sowie gegen die verheerenden globalen und lokalen Folgen.
Wie wollen wir leben? - das ist unsere Frage. Das wird auf keinem Reissbrett oder Plan entschieden. In einer vielleicht nicht so fernen Zukunft stehen die Dienstleistungen nicht mehr zur Verfügung, die Mieten werden nicht mehr gezahlt, die Straßen sind blockiert ... und die Menschen haben endlich gemeinsam Zeit für diese Frage. Der Metropolenstreik verbindet lokale Kämpfe und Generalstreiks mit globalen Aufständen.

Was hat das Immobilien-Kolloquium mit der autoritären Krisenpolitik der ökonomischen und politschen Eliten gemeinsam?
Nicht viel mehr und nicht viel weniger als die kapitalistischen Verhältnisse. Diese machen (ja mehr als) Wohnungen zur Ware und Kapitalanlage. Diese Verhältnisse in der Stadt und Region sind nur noch auf diejenigen ausgerichtet, die sie sich leisten können. Das ist allerdings bundesweit, europaweit und auch weltweit ebenfalls zutreffend.
Vergessen sind die zur Zeit 2 Millionen qm leerstehender Büroraum in Frankfurt. Vergessen sind die sogenannten "Immobilienblasen" in den USA, in Spanien ... Allein in Spanien wurden zwischen 2007 und 2011 etwa 350.000 Zwangsräumungen angesetzt. Jede Woche werden zur Zeit 1000 Zwangsräumungen durchgeführt. Aus purer Verzweiflung haben sich schon mehrere davon Betroffene während der Räumung selbst getötet. Jetzt erst, im November 2012, hat die spanische Regierung einen "Räumungsstopp für Härtefälle" verfügt - für 2 Jahre. Viele Betroffene erfüllen die angelegten Kriterien dafür nicht. Gleichzeitig stehen 1,3 Millionen Wohnungen im gesamten Land leer.
Gegen die Zwangsräumungen organisiert sich seit 2009 die "Plataforma por los Afectados de la Hipoteca" (PAH). In der Zusammenarbeit von Solidaritätsnetzwerken in Nachbarschaften mit Anwältinnen und Anwälten konnten sie in zunehmenden Maße Zwangsräumungen verhindern. Mittlerweile sind das hunderte im ganzen Land. Das hat den Druck auf Banken und Politiker enorm verstärkt.Die PAH will noch weitere Gesetze durchsetzen - zum einen die Streichung der Schulden und das Recht auf bezahlbaren Wohnraum.
Mit jeder verhinderten Zwangsräumung überwinden die sich gegenseitig Unterstützenden gemeinsam das Gefühl der Machtlosigkeit und entwickeln all das, was sie für ihre Widerständigkeit brauchen - wie die Solidaritätsnetzwerke in der Nachbarschaft. Mittlerweile sind auch einige dazu übergegangen, die leerstehenden Häuser einfach zu "still" zu besetzen.


Initiative Zukunft Bockenheim: Immobilienkolloquium und die Interessen der Mieter in Bockenheim

Das Immobilienkolloquium beschäftigt sich laut Ankündigung der IHK mit folgender Herausforderung: Es soll nach dieser Ankündigung gelingen, „bezahlbaren Wohnraum für Facharbeiter, junge Berufstätige und Familien bereitzuhalten. Nur auf diese Weise kann die Attraktivität unserer prosperierenden Region als Wohn‐ und Arbeitsraum weiter erhalten und gefördert werden.“
(Zitat aus dem Einladungsflyer)
Neben diesem Thema wird das Energetische Bauen und Sanieren als Schwerpunkt benannt.

Wir sind aus Bockenheim hier her gekommen, um darüber zu berichten, wie diese Vorhaben, sich bei uns bereits bemerkbar machen.
_ verdrängt aus dem Stadtteil werden Menschen im Rentenalter, diese gehören ja auch nicht zu den oben aufgeführten Gruppen für die bezahlbarer Wohnraum Sinn macht.
_ Junge Menschen in Ausbildung, hier vor allen dingen Studenten, die täglich Stunden brauchen um ihren Studienplatz zu erreichen
_ junge Familien, die zu der unteren Hälfte der Einkommensbezieher gehören.

Gelungen ist die bisher stattgefundene Verdrängung durch eine Mischung von Aufkauf und Sanierung der bestehenden Altbauten, Lagenzuschläge des neuen Mietspiegels der Stadt Frankfurt, sowie teure Umnutzungen und Neubauten.
In Bockenheim können wir hier die neuste Entwicklung des Smart AND Micro Living in den Single Appartementhäusern , von denen Bockenheim alleine drei Gebäude bekommen hat. In insgesamt 600 Singlewohnheiten wurde hier insvestiert, es sind Anlageobjekte im Rahmen des Grabens nach Betongold. Diese Gebäude (Adalbertstraße Konversion des früheren Amtsgerichts, Ederstraße und Salvador Allende Straße) wurden angekündigt als Studentenwohnheime und sind jetzt ein Angebot an Studenten, Pendler und Berufsanfänger. Ab 17 qm für 450 Euro und aufwärts sind stolze Preise, auch wenn smart living angesagt ist. Diese Art von Angebot bringt eine neue Struktur in das Studentische Leben und auch das Stadtteilleben. Da diese Häuser keine reinen Studentenwohnheime sind werden diese Preise auch Eingang in den Mietspiegel finden.
Wobei wir zu dem Thema kommen, das uns auch hiergeführt hat.
Die Stadt Frankfurt hat sich hervorgetan und als einzige Stadt in der Bundesrepublik Lagenzuschläge einrichten lassen, die sich einfach von den zu erwartenden Grundstückspreisen in den Gebieten leiten lassen. Es geht nicht um Qualität der Wohnlage, sondern einfach nur noch darum, wieviel sich aus den Grundstücken in Zukunft herausholen lässt.
Damit ist die Stadt zu weit gegangen und sie hat Ärger bekommen. Wo bei anderen Möglichkeiten der Mieterhöhungen zumindest so ein Schein gewahrt wird, das es dafür auch eine Leistung geben wird, gibt es hier einfach nur Erhöhung. So nicht.
Mittlerweile kann man sicher sein, dass jede sogenannte Herausforderung für die Immobilienwirtschaft meint, das es hier neues Geld an den Mietern, oder eben anderen neueren besseren Mietern zu verdienen gilt. Der
Der Austausch der jetzigen Mieter mit besser verdienenden Mieterschichten ist das Ergebnis von Wirtschaftlichen und politischen Zusammenwirken auf dem Wohnungsmarkt.

Das Beispiel energetisches Bauen und Sanieren wird uns noch länger verfolgen und bisher wissen wir hierzu:
Es ist sinnvoll Wege zu suchen, wie man Energie sparen kann. In der Regel ist es nicht so, dass eine Methode, die einzig wahre ist. Oft sind gerade solche Methoden früher oder später als fehlerhaft und nachbesserungswürdig erkannt worden.
Aber die Mieter haben hier nichts zu entscheiden, sondern nur zu bezahlen. Sie zahlen sowohl für die Sanierung, wie auch nach Abzahlung der Kosten. Weil sie ja auch mit ihrer Zahlung jetzt geholfen haben eine Wertsteigerung des Hauses mitzufinanzieren.
An diesen ungerechten Zuständen wird sich nur dann etwas ändern, wenn wir mit einer starken Mieterbewegung, die entsprechenden Gesetze zu fall bringen.

Primelocation ausverkauft – neue Lagen braucht die Stadt ist einer der Untertitel der Tagung.
Als Erweiterung der Primelocation hat die Stadt anscheinend die in jedem Sinne neue Lage auf dem Campus Bockenheim ausgemacht. In dieser neuen Primelocation wollen wir bezahlbaren Wohnraum und Bildungseinrichtungen haben. Die Stadt kann es sich nicht leisten, ein Areal eigener Grundstücke in der Innenstadt zu verkaufen um eines kurzfristigen Verkaufserfolgs willen.
Die Stadt muss mehr vor haben, als Grundstücke zu verscherbeln.
Die Stadt als Souverän, soll ihre Gesellschaft, und vor allen Dingen, diejenigen die es auf diesem Wohnungsmarkt nicht mehr schaffen können, sich selbst zu versorgen, mit Wohnraum versorgen. Und sie soll sicherstellen, dass alle Zugang zu Bildung haben.
Dazu braucht die Stadt öffentlichen Grund und Boden.

Kein Ausverkauf städtischer Grundstücke, bezahlbaren Wohnraum in der Stadt schaffen!

Anette Mönich / www.zukunft‐bockenheim.de /Initiative Zukunft Bockenheim
Stadtteilinformationsbüro 60487 Frankfurt
Leipziger Straße
Telefon 069_71 91 49 44
Öffnungszeiten
Dienstag ‐ Freitag 15 bis 19 Uhr Samstag 11 ‐ 16 Uhr

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